Spendierhosen für junges Gemüse

Die Konservenfabrik Elde finanziert sich über Eigenemissionen nachdem die Hausbanken sich abgewandt hatten

Beilage Finanzierung im Mittelstand, Süddeutsche Zeitung, 31.10./01.11.2007

Zachow. Die Atmosphäre ist heiß und riecht nach Gurke, rote Bete und Kartoffel. An den vier Produktionslinien der Elde-Konservenfabrik im mecklenburgischen Zachow herrscht dieser Tage Hochsaison. Zwischen September und Dezember erwirtschaftet das Unternehmen rund zwei Drittel seines gesamten Jahresumsatzes. Die Bänder laufen rund um die Uhr in zwei Schichten. Zwischendrin begutachtet der Inhaber Kay Strelow eine Probelieferung Kartoffeln, um sie zugleich energisch zurückzuweisen: „Wir brauchen Qualität.“

Die Geschäfte des 41jährigen Hamburgers laufen gut. Er könnte mehr produzieren, wenn es genug Gemüse gäbe. Doch ausgerechnet die einheimischen Bauern produzieren nur Weizen sowie Raps und Mais für Biogas. Die Politik der Bundesregierung, die erneuerbare Energien subventioniert, lässt die Bauern schnell Abstand von der mühseligen Gemüseernte nehmen. Beim Weizen fährt man einmal mit den Mähdrescher durch, Gemüse braucht Erntehelfer und die sind dann auch noch unzuverlässig, auch beim mecklenburgischen Bauern hat sich ein Renditedenken durchgesetzt. Kartoffeln bezieht Kay Strelow aus Niedersachsen, Erbsen aus Sachsen, Rotkohl aus dem brandenburgischen Oderbruch. Der temperamentvolle Hamburger Strehlow hat dennoch genügend Kontakte, um immer wieder die benötigten 30 000 Tonnen Gemüse zu organisieren, nötigenfalls holt er es auch aus Holland. Mit Erfolg: seit fast 10 Jahren ist Elde ein zuverlässiger Lieferant von Gemüse im Glas für die Filialisten und Discounter in Deutschland und Skandinavien. In den Nordländern Europas ist Elde bereits unangefochtener Marktführer. Längst haben sich Überkapazitäten in der Branche, wie noch vor einigen Jahren vorhanden, erledigt. In ganz Europa gibt es gerade mal sechs größere Firmen, davon nur noch zwei in Deutschland Mit 150 Beschäftigten erwirtschaftet Elde in diesem Jahr 25 Mio EUR Umsatz. Die Kredite für die Investitionen in Höhe von 15 Mio EUR in Verwaltungsgebäude, Lager- und Produktionshallen sind nahezu vollständig abgezahlt, jetzt, sagt Strelow: „ist die Chance da, nachhaltige Renditen zu erwirtschaften.

Daran wollten Strelows bisherige Finanziers, zwei norddeutsche Geschäftsbanken, nicht mehr teilhaben. Obwohl das saisonale Geschäft Umsatz und Ertrag nicht schmälert, muss die Elde Konservenfabrik Zachow GmbH & Co KG ein Jahr lang die Produktion vorfinanzieren. Die Lieferanten gehen zu dem Verarbeiter, der am pünktlichsten zahlt. Doch für einen Betriebsmittelkredit wollen die Banken neben zahlreichen Sicherheiten auch noch 12% Zinsen, und deshalb dachte Kay Strelow vor zwei Jahren über die alternative Finanzierung über Anleihen nach. Nach mehreren Gesprächen war sein Entschluss klar: „Banken raus, bdp rein.“

Dr. Michael Bormann, Gründer der Sozietät Bormann, Demant & Partner (bdp), hat sich auf Mittelstandsfinanzierungen konzentriert. Die Zentrale seiner Sozietät ist an einer vielbefahrenen Verkehrsader im Berliner Szenekiez Prenzlauer Berg. Gleich um die Ecke herum schlägt das Herz des Kiezes mit unzähligen Kneipen, alternativen Läden und jeder Menge Eventlocations. Von hier aus steuert Michael Bormann rund 100 Mitarbeiter aus den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Rechtsanwälte und Consultants, die in Büros in München, Hamburg, Dresden, Rostock und Zürich ihrer Arbeit nachgehen. „Immer mehr Mittelständler kommen zu uns, weil sie von ihrer Hausbank im Stich gelassen wurden. Mal passt das Unternehmen nicht mehr in die Geschäftsstrategie oder es gab vor Jahren mal eine Krise, so dass die Banken den Unternehmer nicht mehr finanzieren wollen.“ schildert Michael Bormann die Verzweiflung seiner Mandanten. Konservenfabriken, Maschinenbauer, Druckereien, Autohäuser hat er schon finanziert. „Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Mittelständler, an frisches Kapital zu kommen.“ Und zählt auf: Factoring, Projektsonderkonten, sowie vor allem sogenanntes Mezzanine-Kapital. Der Begriff Mezzanine stammt aus der Architektur und bedeutet soviel wie Zwischengeschoss. Also eine Art der Zwischenfinanzierung, um die notwendige Liquidität fürs Wachstum zu erhalten. Ein weitere Art, an frisches Kapital zu kommen: die eigenemittierten Unternehmensanleihe. Heißt konkret, die Ausgabe von auf den Inhaber lautende Schuldverschreibungen im Nennbetrag von je hundert Euro. Salopp gesagt: mit hundert Euro ist man an einer Konservenfabrik beteiligt. „Allerdings“, so räumt Michael Bormann ein, „nur als Geldgeber auf Zeit, nicht als Anteilseigner wie bei einer Aktiengesellschaft.“

Kay Strelows Wertpapierprospekt ist transparenter als der von so manchem Großkonzern. Fein säuberlich, wie er seine Kartoffeln am Fließband trennt, sind Risiken und Chancen im 67 Seiten langen Prospekt aufgelistet und im perfekten Juristendeutsch formuliert: „Dieser Prospekt enthält bestimmte in die Zukunft gerichtete Aussagen. In die Zukunft gerichtete Aussagen sind sämtliche Aussagen, die sich nicht auf historische Tatsachen beziehen.“

Diese Fragen stellen auch Banker. Wie gestalten Sie das operative Geschäft? Wo wollen Sie in der Zukunft stehen? Warum macht Elde mit nur 3 Kunden 75 % seines Umsatzes? Die Fragen beantwortet der Emissionsprospekt. Und immer wieder wird auf mögliche Risiken hingewiesen. Die Fakten sind zahlreich, das Zahlenwerk ähnelt mehr einer Steuererklärung. Auf Hochglanzpapier verzichtet Elde. Das machen nur solche, die dem Anleger hochriskante Geldgeschäfte unterjubeln wollen. Strelows Anleger erhalten 8 Prozent Zinsen.

Strelows Vater war Handelsvertreter und Importeur seit drei Generationen. Immer für Gemüse im Glas. Vertrieb unter anderem die Produkte von Linkenheil, jener Familie, die später die legendäre Spreewaldgurke aufkaufte und zum neuen deutschen Markenartikel machte. Strelow junior erlebte mit 24 die deutsche Wiedervereinigung und brach sein VWL- Studium ab. „Im Osten war es einfach spannender.“ Kay Strelow gelang es, den Vertrieb für Elde in Skandinavien aufzubauen. Skandinavier mögen Gurken in süssen Varianten. Eine Marktlücke. Anstatt Kompetenzstreitigkeiten bei Gurken nach Spreewälder Art miterleben zu müssen, ließ er sich nicht beirren und setzte weiter auf den skandinavischen Markt. 1998 erwarb er das Unternehmen.

Studienabbrecher? Geld von der Bank? Es gilt Basel II, Rating. Wie ist der Unternehmer beschaffen, hat er gleichmässige Umsätze? Also, nach bankinternen Richtlinien mindestens 12 Prozent Zinsen. Noch besser: 14 Prozent. Und dann ein Saisongeschäft. In vier Monaten den halben Jahresumsatz verdienen?

Dr. Michael Bormann ficht das alles nicht an: „Mit der eigenemmitiererten Inhaberschuld-verschreibung zahlt Elde 8 % Zinsen an die Anleger.“ Die Anleihe läuft über sieben Jahre, halbjährlich sind die Zinsen fällig. Die Unternehmensanleihe wird zunächst beim Bundesamt für Finanzdienstleistungen (BaFin) eingereicht, dort der Prospekt geprüft, und über die Projektsteuerung von bdp durch Wertpapierhandelshäuser an interessierte Anleger weitergereicht. „Innerhalb von sechs Wochen wurden 60 000 Teilschuldverschreibungen á 100 EUR ausgegeben.“ sagt Michael Bormann. „Das zeigt, dass der solide Mittelstand als Kapitalanlage gefragt ist.“

Auf diese Weise erhielt Elde Inhaber Strelow im Jahr 2006 innerhalb kürzester Zeit 6 Mio EUR. Das Geld nutzte er unter anderem dafür, seine Lagerkapazitäten zu erweitern. Anspornt durch den Erfolg ließ er kurzerhand im Sommer 2007 noch eine weitere Unternehmensanleihe in gleicher Höhe folgen. „Damit haben wir für die nächsten sieben Jahre genügend Liquidität, um die Produktion sukzessive um 15 000 Tonnen zu steigern.“ so Strelow. Zwischendrin meldete sich sein Bankberater und gestand: Herr Strelow, ich kann ihnen gar nicht mehr in die Augen sehen. Sein Finanzinstitut hatte da gerade in der US – Immobilienkrise eine Menge Geld versenkt. Strelow feixt: „Dabei waren das doch früher alles Oberlehrer.

Befreit von den Canossagängen zu den Banken, macht Elde – Inhaber Strelow das, was ein Mittelständler am liebsten macht: er tüftelt im Labor an neuen Produkten. Ziel ist, das Delikatessengeschäft unter den Namen Elde und Veltenhof, was gerade mal drei Prozent vom Umsatz ausmacht, weiter auszubauen. Im Delikatessengeschäft werden lukrativere Margen erzielt. Gerade hat er Pellkartoffeln in verschiedenen Gewürzvarianten zu Testverkäufen in den Handel gegeben. „Aus einer einfachen Kartoffel kam man viel mehr machen.“ sagt Strelow. Und seinem Temperament gemäß heißt die neue Marke jetzt auch „Flotte Knolle.“

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