Wie gehen unsere Mandanten mit den Herausforderungen der Pandemie um? Interviewpartner in unserer Serie ist in dieser Ausgabe Rolf-Peter Marzahl, Geschäftsführer der Marzahl Gruppe GmbH.

In unserer Interviewserie zum Management in der Pandemie sprechen wir diesen Monat mit Rolf-Peter Marzahl, Geschäftsführer der Marzahl Gruppe GmbH. Die Marzahl Gruppe ist ein 1924 gegründetes Familienunternehmen und kompetenter Industriedienstleister auf dem Gebiet der Antriebstechnik mit Sitz in Norderstedt. Sie verbindet handwerkliche Tradition mit moderner Technik. Dabei reichen die Leistungen von der Entwicklung über die Fertigung und den Vertrieb bis hin zum Service.

___ Wie haben Sie in Ihrem Unternehmen zu Beginn der Corona-Zeit reagiert?

Natürlich erst einmal ungläubig! Ich habe davon schon im Januar erfahren, da wir Monteure vor Ort direkt in Wuhan, China hatten. Die kamen mit Bildern zurück, die absolut nach einem Endzeitfilm aussahen. Ich konnte das gar nicht glauben.

Wir mussten sehr schnell reagieren, bei uns kam es nicht langsam, sondern auf einen Schlag. Einer unserer Betriebsbereiche ist der flächendeckende deutschland- und europaweite Service an Werkzeugmaschinen. Viele von diesen Kunden unserer Partner sind entweder direkt die Automobilwerke oder die Zulieferer, und da wurde innerhalb von zwei bis drei Tagen alles abgesperrt, da ging am 25.03. alles auf Null. Direkt am nächsten Tag haben wir dann Kurzarbeit beantragt. Unsere Mitarbeiter haben wir in der Folge alle auf den Hof geholt und die Situation dann im Freien durchgesprochen. So einen Absturz gab es noch nie. Für uns war das wie eine Tsunamiwelle, die politisch hysterisch losgetreten wurde. Unsere Monteure konnten zum Teil gar nicht mehr arbeiten, weil sie nicht mehr auf das Gelände der Unternehmen konnten, die Reparaturarbeiten brauchten. 

Im nächsten Schritt wurden uns alle unsere Auszubildenden in die Firma geschickt, das war leider auch ein Thema, bei dem wir sofort reagieren mussten. Normalerweise sind nie mehr als 20 Leute vor Ort, da alle anderen auf Montage oder in der Berufsschule sind. So mussten wir unsere Azubis erst einmal auf eigene Kosten in den Urlaub schicken. 

Dann haben wir Schichtarbeit mit Früh- und Spätschicht eingeführt, selbst in den Büros, damit wir das Infektionsrisiko minimieren konnten. Eine unserer Mitarbeiterinnen, die früher im Krankenhaus gearbeitet hat, hat uns hygienemäßig aufgerüstet und auf den neuesten Stand gebracht. Wir haben mehrmals am Tag unsere Räumlichkeiten desinfiziert, und wir haben Raumtrenner im Büro und in den Montagebereichen eingeführt. 

Mit der Informationsbeschaffung war es sehr schwierig. Weder die Handwerkskammer noch die Berufsschulen noch die Innungen, IHK etc. waren hier hilfreich. Intuitiv haben wir auch mit verstärktem Lüften reagiert. Aber es war alles sehr hektisch, da innerhalb von zwei Tagen von der Regierung wirklich alles gestoppt wurde. Die Panik, die von der Politik verbreitet wurde, hat uns wirklich unsicher gemacht. 

Aber mit einem guten Führungsteam konnten wir sehr gut reagieren. Der erste Schritt war wirklich die Entzerrung der Mitarbeiter und der Auszubildenden. Ich selbst komme aus dem Katastrophenschutz und war dort 20 Jahre tätig, also kannte ich solche Maßnahmen bereits. 

___ Wie stellen Sie die Kommunikation mit Ihrem gesamten Team sicher? Inwiefern mussten Sie Ihre Kommunikationsstrategie überdenken oder ggf. anpassen?

Das mussten wir überhaupt nicht. Ich rede jetzt primär über unseren Betrieb in Norderstedt, aber in Landshut war es auch nicht sehr anders. Wir haben hier kurze Wege auf rund 500 Quadratmetern. Niemand sitzt mehr als 20 Meter auseinander. Konkret mussten wir dort direkt eingreifen. Die Maßnahmen haben wir natürlich diskutiert, haben aber dann auch immer sofort Aushänge oder E-Mails veranlasst, sodass immer alle optimal informiert waren.

Es war trotzdem schwierig, da die Informationen der Regierung oft nicht sauber oder eindeutig waren. Aber in der Kommunikation waren wir hier vor Ort so oder so bereits sehr schnell.

___ Gibt es aktuelle Änderungen in Ihrem Unternehmen, die Sie auch nach der Krise beibehalten wollen?

Ja, die gibt es auf jeden Fall. Das Erste ist, was mir bereits bei den anderen Kurzarbeitssequenzen, 2009, 2002 und Mitte der 90er auffiel. Ich stellte nach einer kurzen Zeit fest, dass unsere Betriebswirtschaftliche Auswertung und unser Gewinn nach kurzer Zeit in der Kurzarbeit nicht schlechter, sondern teilweise sogar besser war. 

Wir haben durch die intensivere Planung und die Beurteilung der Notwendigkeit für Kurzarbeit in den verschiedenen Meisterabteilungen sehr gute Einblicke gewonnen. Es kam so, wie ich es mir bereits gedacht hatte, aber die Thematik wurde vor der Krise immer wieder nach dem Motto „Das macht man mal, wenn Zeit ist!“, verschoben. Wir mussten das alles einmal auseinanderflechten und uns Zeit nehmen, allein durch die räumliche und zeitliche Separierung sieht man ja viel mehr. Wenn weniger Leute vor Ort sind, entsteht eine viel höhere visuelle und generelle Transparenz. 

Wir mussten uns abends zusammensetzen mit unseren Meistern und direkt die Frage klären: „Wer muss morgen arbeiten und wer nicht?“ Das haben wir konsequent durchgezogen und diese intensivere Einsatzplanung werden wir definitiv beibehalten. Natürlich nicht so extrem wie aktuell, aber konkret gesagt: Wir haben gemerkt, dass wir Stück für Stück überschüssiges Personal angehäuft hatten. 

In einigen Bereichen, nicht im Werkzeugmaschinen-, sondern im Gesamtservice, haben wir den Umsatz mit den Personalkosten verglichen, und wir sind zum Teil gar nicht abgestürzt. In den Werkzeugmaschinen schon um die 10 Prozent, andere Bereiche nur 2 bis 3 Prozent, und in anderen Bereichen eben gar nicht. Dabei hatten wir aber erheblich weniger Personalkosten, also sind unsere tatsächlichen Zahlen besser geworden. 

Die Pandemie hat uns ein bisschen resettet. Wenn ich schaue „Der Umsatz konnte trotz Kurzarbeit in einigen Bereichen fast stabil gehalten werden“, dann macht man sich natürlich Gedanken. Wir mussten uns dann eben auch in dieser Zeit von zwei Mitarbeitern trennen. Es ist sehr lehrreich.

___ Was hat sich in Ihrem persönlichen Arbeitsalltag geändert?

Diese verdammte Maske! (lacht) Das ist einfach ungewohnt und hier sind einfach viele Menschen, ich bin auch viel im Betrieb unterwegs. Das wird sich aber auch irgendwann wieder ändern.

Man hat immer im Hinterkopf „Was denken sich diese Politiker noch irgendwie aus?“, denn wir haben ja die Informationen von unseren Großkonzernen. Wir arbeiten viel mit der Zahnradfabrik Friedrichshafen zusammen, und zwar auch international, und wenn wir dann mit unseren Kollegen in Korea oder Taiwan sprechen, sind wir sehr frustriert. 

Das ist komplett neu, dass man ständig durch diesen ewigen Strom an Nachrichten immer wieder nachjustieren muss. Wenn jemand infiziert ist, wird zum Teil eine Firma erst einmal geschlossen für 14 Tage. Diese politisch angeordneten Aktionen haben dann auch einen Einfluss auf Alltagsentscheidungen. Das besprechen wir dann hier intern und versuchen auch, uns in den Punkten gegenseitig zu unterstützen. 

Auf der anderen Seite steht der dauerhafte Versuch, Informationen von öffentlichen Stellen zu bekommen. Gesundheitsamt, IHK, Handwerkskammer … die Antworten waren desaströs. Da wurde die allgemeine Ohnmacht sehr offensichtlich. Wir bekamen keine verlässlichen Parameter oder Anweisungen. Da wird man sehr allein gelassen.

___ Gibt es trotz der Krise positive Entwicklungen in Ihrem Unternehmen?

Letztendlich sind wir alle näher zusammengerückt, wie bei vielen Partnern auch. Wir sprechen mehr über die aktuelle Situation, und wie wir auf alles besser reagieren können. Irgendwie sind wir durch das gemeinsame Fluchen stärker geworden! Wir haben geflucht, aber auch gelacht! So ist‘s einfach. 

Das merkt man in der Familie genauso wie im Betrieb, alles wird ein bisschen resettet und bekommt einen neuen Stellenwert. Da ist es auch schön, positives Feedback aus dem Betrieb zu bekommen. Einige Mitarbeiter sind schon 30 Jahre bei uns und da merkt man, wie wichtig auch die persönliche Beziehung ist. Auch die schon genannte Erhöhung der Produktivität ist ein wichtiger Punkt auf den wir auch nach der Krise achtgeben wollen. Durch diesen Kurzarbeitszwang haben wir uns ein bisschen verschlankt.

Ich bin sehr froh, dass ich tolle Mitarbeiter und eine tolle Familie habe und noch dazu in dieser komplizierten Zeit, mit Dr. Bormann einen hervorragenden Berater. Diese Puzzleteile zeigen einfach, dass wir viele gute Dinge haben und das wollen wir weiter pflegen und hoch halten.

Rolf-Peter Marzahl
ist Geschäftsführer der Marzahl Gruppe GmbH.