Mit bdp-Gründungspartner Dr. Michael Bormann ziehen wir für bdp, Deutschland und China eine Zwischenbilanz nach über einem halben Jahr im Krisenmodus.

____ Dr. Bormann, seit nunmehr über einem halben Jahr agiert Deutschland und die Welt im Corona-Krisenmodus. Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie hat sich die Lage bei bdp entwickelt?

Das muss man differenziert betrachten: Der Bereich der klassischen Steuerberatung inklusive Buchführung für kleine und mittlere Mandanten hat in den Monaten März bis Juni durch den Lockdown erwartungsgemäß einen erheblichen Umsatzrückgang von über 30 % hinnehmen müssen. Viele Mandanten haben uns schlichtweg durch Betriebs- und Werksschließungen sowie Kurzarbeit der eigenen Mitarbeiter keine Unterlagen gebracht. Unsere betriebswirtschaftliche Beratung dagegen hat sich recht tapfer geschlagen, weil wir für viele Mandanten Coronahilfen, angefangen von den Hilfen für Kleinunternehmen über die diversen KfW-Programme bis hin zu Landesbürgschaften vorbereitet und beantragt haben.

Wir sind aktuell auch dabei, für zwei Mandanten Mittel aus dem WSF, dem Wirtschafts- und Stabilisierungsfonds der Bundesregierung, zu beantragen, wie sie auch die Lufthansa erhalten hat. Diese Beantragungen sind naturgemäß sehr komplex und bedürfen erheblicher Beratungsleistungen.

„Mandanten haben uns teilweise einfach keine Steuerunterlage bringen können.“

Unsere bdp-Büros in China hatten bislang einen nur leichten Umsatzrückgang von etwa 10 bis 15 %, weil größere Neuprojekte und Ansiedlungen in China derzeitig fehlen. Aber da wir erfreulich große Mandate (von anderen Beratern) neu übernehmen konnten, sind wir recht gut durch die Krise gekommen. bdp hat sich mittlerweile als deutsches Beratungsunternehmen in China einen sehr guten Ruf erarbeitet und zählt hier zu den Top 3.

Der Wirtschaftsprüfungsbereich für die größeren und kapitalmarktorientierten Unternehmen blieb nahezu stabil, weil diese Unternehmen Fristen haben und sich keine Verschiebungen erlauben konnten. Die Prüfungen für mittlere Unternehmen mussten genauso wie die klassische Steuerberatung durch Verschiebungen Umsatzrückgänge von ca. 25% hinnehmen.

Auch unsere Schwestergesellschaft, die seit 1982 existierende jetzige bdp Mechanical Components mit Sitz in Shanghai und Marbella sowie weiteren Büros in Deutschland, Bulgarien, China und Polen machte eine differenzierte Entwicklung: Sie ist im industriellen Sektor insbesondere für die Automotiveindustrie seit Februar im Umsatz um gut 40 % zurückgegangen. Sie erholt sich seit Ende Mai, allerdings deutlich unter der Ursprungsplanung. 

„Erhebliche öffentliche Aufträge haben für Entspannung gesorgt.“

Für unsere Gießerei- und Schmiedeprodukte im öffentlich-investiven Bereich, so zum Beispiel bei Produkten für die Wasserver- und -entsorgung (Pumpen und Absperrsysteme) und den öffentlichen Wegebau (Wasserinspektionsluken, Gullydeckel) gab es hingegen so gut wie keine Umsatzrückgänge, weil sowohl Spanien als auch Deutschland zur Stabilisierung der Wirtschaft erhebliche öffentliche Aufträge erteilt haben. Insgesamt ist jedoch auch hier ein erhöhter Koordinationsaufwand erforderlich, weil immer mal wieder einige Unternehmen in diesen Lieferketten coronabedingte Kurzarbeit oder gar Werksschließungen haben, sodass die zuverlässige Lieferterminierung sehr anspruchsvoll geworden ist.

____ Der ifo Geschäftsklimaindex steigt nach seinem historischen Absturz im April 2020 bis zuletzt wieder deutlich an. Die Bundesregierung korrigiert ihre Defizitprognose für 2020 nach unten: Sind wir schon über den Berg?

Während man dies für die chinesische Wirtschaft so sehen könnte, denn diese ist in vielen Bereichen wieder auf den ursprünglichen Planungsniveaus angelangt, wäre diese Behauptung für Europa und die Bundesrepublik Deutschland sehr vermessen. In ganz Europa steigen die Infektionszahlen wieder an, in etlichen Branchen werden neue Lockdowns angeordnet oder es wird weiter kurzgearbeitet. Nein, in Europa sind wir leider keineswegs über den Berg, so sind bspw. die Kfz-Zulassungszahlen im August (nach einem Wiederanstieg in den Monaten Juni und Juli) wieder deutlich nach unten gegangen. Ich selbst rechne mit erheblichen Unternehmenskrisen und Insolvenzen im Spätherbst und Winter 2020/21.

„Nein, in Europa sind wir leider keineswegs über den Berg!“

____ Deutschland hat auf Kosten einer Rekordverschuldung immense Summen für ein ganzes Bündel von Rettungspaketen mobilisiert. Zuletzt wurde das Kurzarbeitergeld auf 21 Monate verlängert, und auch die Ausnahmeregelungen für die Insolvenzantragspflicht laufen nun nicht im Oktober aus, sondern gelten bis Jahresende. Wie beurteilen Sie die politische Flankierung der deutschen Wirtschaft?

Vergleicht man die deutsche Wirtschaft mit anderen europäischen Ländern, insbesondere was Arbeitslosenzahlen und Insolvenzen angeht, muss man konzedieren, dass die Bundesregierung in einem beispiellosen Krisenfall nicht so viel falsch gemacht haben kann. Sicherlich haben auch die stabile Lage vieler deutscher Unternehmen und die Vorteile einer mittelständisch orientierten Wirtschaftsstruktur hierzu beigetragen. 

Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass verantwortliches Unternehmertum in vielen Fällen einer durch mehrere Großunternehmen geprägten Wirtschaft (zum Beispiel Frankreich) deutlich überlegen ist. Dennoch verkennt meines Erachtens die Bundesregierung, welche Industriezweige in den letzten Jahrzehnten die wirtschaftliche Stabilität unseres Landes überhaupt erst möglich gemacht haben, nämlich die Automobilindustrie und der Maschinenbau. Hier werden zur Zeit vermeintlich übergeordnete politische Ziele, eventuell auch im Hinblick auf Wählerstimmen, über die Stabilisierung dieses Rückgrats der deutschen Wirtschaft gestellt. 

„Konkrete Kaufanreize für die breite Masse von Kfz werden aus politischen Gründen leider nicht eingesetzt.“

Wenn man sich vor Augen hält, dass genau diese Industriezweige in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 die schnelle Erholung der Gesamtwirtschaft erst möglich gemacht haben, wundert man sich schon, dass genau das erfolgreiche Mittel aus den Jahren 2008/09, nämlich die konkreten Kaufanreize für die breite Masse von Kfz, nunmehr aus politischen Gründen nicht eingesetzt wird. Die Förderung der reinen E-Mobilität greift hier zu kurz, denn die Kapazitäten (sowohl Infrastruktur wie Produktionskapazitäten) reichen gar nicht aus, um die Wirtschaft wieder aus dem Tal zu holen. 

Für mich ist es vollkommen unverständlich, dass nicht auch Verbrennungsmotoren der neuesten Generation gefördert werden, denn wenn diese einen erheblichen Teil des noch auf deutschen Straßen fahrenden Fuhrparks ersetzen würde, wäre ebenfalls eine große Klimaverbesserung gegeben. So bleiben diese Chancen ungenutzt, und der Konjunkturmotor aus der Krise 2008/09 heraus fällt momentan komplett aus. Mehrere Millionen Arbeitsplätze zu gefährden, nur um eine kleine Gruppe von teilweise kriminellen Vorständen abzustrafen, geht weit über ein vernünftiges Ziel hinaus. 

Die große Mehrzahl der in der Automobilindustrie tätigen Unternehmer und Manager ist keineswegs kriminell! Hier müsste dringend gegengesteuert werden, was ich bedauerlicherweise momentan nicht erkennen kann.

____ Was halten Sie von der Warnung, dass die Rettungsmaßnahmen Zombie-Unternehmen am Leben erhalten, die eigentlich aus dem Markt ausscheiden müssten? Ist dies nicht ein wesentliches Merkmal der freien Marktwirtschaft, dass unrentable Geschäftsmodelle scheitern können? 

Ich wüsste momentan nicht, was Sie als vom Geschäftsmodell überholtes Zombie-Unternehmen in Deutschland bezeichnen würden: Sicherlich sind die großen Automobilkonzerne teilweise durch das Handeln einzelner Vorstände und ihre Machtfülle zu kritisieren, das Geschäftsmodell der Mobilität wird in unserer Gesellschaft vielleicht einem Wandel unterzogen, kann allerdings nicht als insgesamt unrentabel gebrandmarkt werden. Das würde bedeuten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. 

„Die deutsche Kurzarbeit und die schnelle Versorgung mit Kreditmitteln ist im Ländervergleich führend. Aber das Ausland ist pragmatischer.“

Im europäischen Ausland wird da deutlich pragmatischer vorgegangen: Wir begleiten zum Beispiel derzeitig einen größeren deutschen Mandanten von uns zusammen mit unseren italienischen EuropeFides-Kollegen Alessandro Atzeni und Cesare Zanotto beim Aufbau eines Produktionswerks in Süditalien, welches massiv von der Regierung unterstützt wird, obwohl dort Teile für Verbrennungsmotoren (allerdings der neuesten Generation und damit erheblich umweltfreundlicher) gefertigt werden (vgl. Seite 7). 

Ich habe gerade an unserem halbjährlichen EuropeFides-Kongress mit Kollegen aus über 28 Ländern teilgenommen, der dieses Mal virtuell per Videokonferenz abgehalten wurde, und konnte da lernen, dass in vielen Ländern einzelnen Industrien deutlich pragmatischer geholfen wird als in Deutschland. 

Dennoch bleiben Teile der deutschen Wirtschaftsförderung, z. B. die deutsche Kurzarbeit und die schnelle Versorgung mit Kreditmitteln aus den Coronahilfen, insgesamt im Ländervergleich führend.

____ Die Bundesregierung hat jüngst den Ton gegenüber China verschärft. In den USA führt Trump seinen Wirtschaftskrieg mit China, aber auch sein demokratischer Herausforderer Biden ist gegenüber China nicht zimperlich. Wie werden sich die wirtschaftlichen Beziehungen des Westens mit China entwickeln?

Hier wird man in Zukunft differenzierter vorgehen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Themen wie unfaire Wettbewerbsverzerrung, Behinderung des freien Kapitalverkehrs und Benachteiligung deutscher Unternehmen in China im Vergleich zu entsprechenden chinesischen Unternehmen werden an Bedeutung gewinnen. Das gilt auch für die als außerordentlich bedenklich einzustufende, zunehmend diktatorische Machtfülle der chinesischen Führung. 

„China wird zukünftig differenzierter behandelt werden. Und das ist gut so.“

Dies ist auch richtig, denn langfristig kann nur ein fairer freier Welthandel die Lösung für alle Unternehmen und alle Länder sein! Und zu einem freien Welthandel gehört auch ein freier Kapitalverkehr und gehören auch Arbeitsbedingungen, die sich am Menschen orientieren und nicht einzelnen Ländern einseitige Wettbewerbsvorteile verschaffen, die diese Regeln missachten. 

Dennoch bleibe ich für China und den südostasiatischen Raum für die nächsten Jahrzehnte optimistisch: Es ist der weltweit größte Markt, und an diesem vorbei kann keine Wirtschaftsordnung handeln. Es wird nicht mehr darum gehen, Fabriken in China zu errichten, um dann günstiger nach Europa exportieren zu können, sondern es geht schlichtweg darum dort präsent zu sein und vor Ort zu partizipieren. Insofern bin ich auch felsenfest davon überzeugt, dass unsere Entscheidung vor nunmehr fast zehn Jahren, selbst nach China zu gehen, absolut richtig war, was auch unsere aktuelle Entwicklung zeigt.