Rechtsanwalt Dr. Jens-Christian Posselt über die Begleitung chinesischer Investments in Deutschland

Der vormalige Partner bei bdp Hamburg, Rechtsanwalt Dr. Jens-Christian Posselt, ist nach einer Auszeit bei einer renommierten Hamburger Kanzlei als Kooperationspartner zu bdp zurückgekehrt. Dr. Posselt steht seit vielen Jahren für intensive Kontakte nach China und die Beratung von chinesischen Unternehmen in Deutschland. bdp aktuell hat ihn zur Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen und chinesischen Investments in Deutschland befragt.

____Dr. Posselt, was hat Sie bewogen, nach China zu gehen und ein „Chinabusiness“ aufzubauen?

Dr. Jens-Christian Posselt: Wie immer im Leben spielen manchmal Zufälle eine Rolle: Ein Mandant schwärmte mir von Qingdao, der alten deutschen Kolonie Tsingtao im Osten des Landes, vor und bekniete mich geradezu, einmal dorthin zu kommen. Als er dann noch sagte, er habe „gute Kontakte“ für mich vorbereitet, konnte ich nicht widerstehen. Und so fuhr ich vor fast genau 13 Jahren nach Qingdao.

____Und mit welcher Erwartungshaltung sind Sie dorthin gefahren?

Um ehrlich zu sein: Ich hatte Angst! Ich habe mich von der damals noch vagen Hoffnung auf geschäftliche Aktivitäten mit dem boomenden Land und etwas Abenteuerlust leiten lassen. Es hat zwei Tage vor Ort gedauert, dann war die Angst durch Begeisterung ersetzt: Begeisterung für die Stadt Qingdao und ihre Menschen. Dort wird hart gearbeitet, aber das Leben kommt nicht zur kurz. Quallensalat und das hervorragende Tsingtao-Bier haben dann zur Völkerverständigung beigetragen.

____Wie hat sich das China Business für Sie entwickelt?

Am Anfang stand ein Investment in Form von Zeit, um die Kontakte vor Ort zu pflegen und ausbauen. Dann kamen von meinen sehr geschätzten Anwaltskollegen die ersten Anfragen. Manchmal ging es mit teilweise komplexen Konstellationen über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ein chinesischer Hersteller liefert an die mexikanische Tochtergesellschaft eines deutschen Automobilzulieferers und verlangt den Restkaufpreis. Und dann stellt sich wie im Studium die Frage: Wie ist eigentlich die Rechtslage?

____Wenn das die Anfänge waren, was ist dann die Gegenwart und was die Zukunft?

Die Gegenwart ist geprägt von einem „Let‘s go West!“ chinesischer Unternehmen. Als ich vor einigen Jahren in China auf einer internationalen Konferenz einen Vortrag über „Investieren in Deutschland“ gehalten habe, hat das kaum einen interessiert (vgl. bdp aktuell Ausgabe 28, März 2007). Heute wird man bei solchen Gelegenheiten im Anschluss von den Zuhörern belagert.

Ursache dafür ist eine 180-Grad-Wendung der chinesischen Politik mit der Aufforderung, im Ausland zu investieren. Der Wirtschaftsboom in China hat die Herstellungskosten für chinesische Produkte gesteigert, die Qualität der Produkte und insbesondere die Produktivität sind jedoch nicht in gleichem Maße gestiegen. Dafür braucht man Know-how, ausländisches Know-how. Und da Deutschland immer noch in vielen Bereichen Technologieführer ist, richtet sich das Interesse insbesondere auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Daneben schätzen viele Chinesen Deutschland (德国, das Land der Tugend) wegen des hohen Lebensstandards, seiner guten Infrastruktur, einer funktionierenden Verwaltung, aber leider nicht so gutem Essen (lacht). Allerdings macht man sich derzeit in China auch Gedanken und Sorgen um die Sicherheit in Deutschland.

____Welche Formen von Investments haben Sie begleitet?

Das Spektrum ist sehr breit. Das fängt an bei der Gründung einer GmbH, die als Brückenkopf fungiert. Dabei ist es wichtig, den Mandanten auch mit dem eigenen Netzwerk zu unterstützen, damit er bei uns heimisch wird. Gerne werden auch Immobilien in Deutschland gekauft, auch für die Familie als zweites Standbein. Aber insbesondere haben wir die strategischen Investoren, die besagte Hoch-Technologie erwerben wollen, um den Know-how-Transfer nach China zu gewährleisten. Wir werden derzeit mit Anfragen nach potenziellen Investitionsobjekten geradezu überschüttet. Hier sehen wir noch ein breites Betätigungsfeld. Und dafür ist bdp sehr gut aufgestellt.

Der Trend geht m. E. zum Erwerb großer Unternehmen bzw. Marken. Chinesen sind sehr markenbewusst. Trotz einer abgeschwächten Wirtschaft ist auch in China ausreichend Investitionskapital vorhanden. Dies ist insbesondere der zunehmenden Zahl börsennotierter Unternehmen zu verdanken, die investieren wollen und müssen. Und wenn man dann sagen kann „Wir haben deutsche Technologie erworben“, steht man als Unternehmen gut da. Aber auch mittelständische Unternehmen sind sehr gefragt.

____Sehen Sie in der Entwicklung auch Gefahren und Risiken?

Ich war von Anfang an ein Verfechter von chinesischen Investitionen in Deutschland. Deutsche mittelständische Unternehmen brauchen Kapital und Märkte. Beides können chinesische Investoren bieten. Und wir können sicher einer Reihe von ungelösten Nachfolgefällen in Deutschland helfen. Wenn Sie verfolgen, wie sich Unternehmen entwickeln, die von chinesischen Investoren übernommen wurden, so werden Sie überwiegend eine positive Resonanz wahrnehmen. Flops gibt es aber natürlich auch. Und einen Ausverkauf deutscher Technologie befürchte ich nicht. Das frische ausländische Kapital hilft letztlich der Weiterentwicklung.

Aus Sicht der chinesischen Investoren kann die Rechnung aufgehen, wenn die deutsch-chinesische Kooperation intensiv vorbereitet wird: Realistische Zeitpläne entwickeln und Rücksicht auf die dünne Personaldecke in deutschen Unternehmen nehmen.

____Das klingt danach, als wenn Sie zur Vorsicht mahnen.

Ja, wenn es um die wechselseitigen Erwartungshaltungen geht. Die müssen klar kommuniziert werden. Hier hilft mir meine Qualifikation als Wirtschaftsmediator deutlich weiter: Die Erwartungen müssen auf den Tisch und besprochen werden. Das hat nichts mit Kaufpreisen oder Haftungsfragen zu tun, sondern mit dem, was jede Seite sich von dem Deal verspricht. Und da lebt jeder zunächst in seiner Welt. Und die müssen zusammengebracht werden. Und dafür sind wir da – fachlich und menschlich.

____Dr. Posselt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Dr. Posselt wurde 1960 geboren und wuchs in Schleswig-Holstein auf. Dem Jura-Studium in Kiel folgten erste Jahre in der Schifffahrtsverwaltung, bevor er für vier Jahre für eine deutsche Großkanzlei nach Dresden ging. Von 1998 bis 2009 war Dr. Posselt Partner bei bdp Hamburg. Nach fast sieben Jahren, die er in einer renommierten Kanzlei in Hamburg verbracht hat, kehrt er an diese Stätte seines Wirkens zurück.

Dr. Posselt hat im internationalen Meeresumweltschutzrecht promoviert, ist Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht sowie Fachanwalt für Internationales Wirtschaftsrecht. Darüber hinaus ist er Wirtschaftsmediator sowie Fachmediator für internationale und interkulturelle Mediation. Sein berufliches Credo lautet: „Löse das Problem und nicht die Schuldfrage!“

Seit 2004 pflegt Dr. Posselt eine intensive Beziehung zu Qingdao (China) und wurde dieses Jahr als „Honored Adviser“ der „China Chamber of  International Commerce“ (CCPIT), Qingdao, bestätigt.

Privat verbringt der passionierte Segler seine Zeit am liebsten mit der Familie auf der Schlei oder der Alster. Ihm wird nachgesagt, sehr gut Steaks zu braten und eine hervorragende Hühnersuppe zu kochen.