Martina Hagemeier ist Wirtschaftsprüfer* und Steuerberaterin, Geschäftsführerin der bdp Revision und Treuhand GmbH und seit 1996 Partnerin bei bdp Berlin.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 25. Partner-Jubiläum bei bdp. Rückblickend: Wie würden Sie diese Zeit bewerten? 

Ich erinnere mich gerne an die vielen Begegnungen mit Kollegen, Mandanten und Geschäftspartnern, die den Berufsalltag interessant machen. Aber es gab auch viele interessante Projekte, die wir mit Erfolg abgeschlossen haben. Ferner ist der Wandel, insbesondere die Digitalisierung unserer Arbeit, sehr zu begrüßen. 

In diesen 25 Jahren durfte ich aber auch unsere Kinder aufwachsen sehen. Der Spagat zwischen Arbeit und Familie war nicht immer einfach. Heute bin ich jedoch zufrieden, meine beruflichen Interessen und auch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten nicht vernachlässigt zu haben. Das hat auch für die Familie Inspirationen gebracht.

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Für mich ist Erfolg nicht so wichtig. Natürlich muss das Unternehmen funktionieren und einen moderaten Gewinn erzielen. Aber ich persönlich strebe eher nach persönlicher Zufriedenheit. Ich möchte meine Arbeit gut machen, sodass meine Mandanten zufrieden sind. 

Mir ist aber auch immer das Helfen wichtig. Ich helfe Mandanten, ihr Unternehmen erfolgreich zu steuern, den Überblick zu behalten und weniger Steuern zu bezahlen. Erfolg ist letztendlich, wenn ich am Ende des Tages weiß, dass ich mein Bestes gegeben habe. 

Warum sind Sie Wirtschaftsprüfer geworden?

Ich wollte eigentlich Innenarchitektin werden. Meine Eltern rieten mir, zunächst einen anderen Beruf zu ergreifen, der mir eine stabilere Zukunft garantieren würde. Mein Vater hat mich dann mit seinem Steuerberater vernetzt. Ich machte zuerst meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Ich merkte bald, dass es mir wirklich gefiel. Dann studierte ich BWL und sammelte Prüfungserfahrung bei einer der großen internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Anschließend entschied ich, das Steuerberater-Examen zu machen. Das Wirtschaftsprüfer-Examen folgte.

Das Examen zum Steuerberater zählt zu den schwierigsten Berufsexamina in Deutschland, mit Durchfallquoten von bis zu 50 %. Wie haben Sie sich für diese Prüfungen vorbereitet?

Ich habe mich mit professioneller Unterstützung eines Instituts vorbereitet und zwei Monate vor dem schriftlichen Examen eine Freistellung in Anspruch genommen, um mich nur auf das Lernen und die Klausuren konzentrieren zu können.

Viele halten den Beruf des Wirtschaftsprüfers für eintönig. Was sagen Sie dazu?

Eintönig ist das überhaupt nicht. Insgesamt ist der Beruf spannend, weil man über die Buchführung und das Interne Kontrollsystem in alle Bereiche eines Unternehmens und in verschiedene Branchen Einblick bekommt. 

Ich sage meinen Auszubildenden oder den jungen Angestellten immer, dass wir über die Zahlen, egal ob Bilanzen oder Buchhaltungen, verstehen, wie das Geschäft wirklich funktioniert. Was sind die kritischen Faktoren, um das Unternehmen zu steuern. Es ist einfach spannend, da hineinzublicken. Hinter den Zahlen stecken immer eine Geschichte, ein Unternehmen und Menschen. Es ist einfach ein sehr interessanter Beruf, der einem jeden Tag neue Erfahrungen bietet.

Was mögen Sie besonders gerne an Ihrer Arbeit?

Ich vereinfache gerne komplexe Unternehmensstrukturen. Viele Steuerberater empfehlen, verschiedene Unternehmen mit unterschiedlichen Rechtsformen zu gründen, um alle steuerlichen Vorteile nutzen können. In der Praxis verlieren die Unternehmer dabei oft den Überblick, es entstehen hohe Verwaltungskosten und schlussendlich bleiben die Gewinne aus. Dann helfe ich gerne, die Strukturen zu vereinfachen, die Unternehmen zu verschmelzen oder mit einfachen Gruppenabschlüssen den Überblick zu behalten. 

Dazu macht es mir Spaß, das Wissen weiterzugeben und zuzusehen, wie junge Menschen sich für diesen Beruf begeistern und wie viel Spaß sie Tag für Tag beim Lernen haben. Ich sage meinen Angestellten oder Azubis: „Wenn wir erklären können, was wir machen, dann haben wir es erst richtig verstanden“. Ich animiere alle, das Gesetz zu lesen und regelmäßig ihre Arbeitsergebnisse zu überprüfen. Man muss einfach am Ball bleiben!

Von Jahr zu Jahr gibt es Änderungen im deutschen und europäischen Steuerrecht. Wie schaffen Sie es, immer auf dem Laufenden zu bleiben?

Nicht nur in Steuergesetzen. Das Bilanzrecht wandelt sich auch und vieles andere. Das Stichwort hier ist kontinuierliche Fortbildung. Partner und Mitarbeiter müssen sich ständig fortbilden. Man geht mindestens 40 Stunden im Jahr zu Seminaren und Kursen. Dazu kommt die kontinuierliche Fortbildung „on the job“. So ist es nun einmal. Ich lerne jeden Tag dazu.

Durch den Wirecard-Skandal sind die Wirtschaftsprüfer stark unter Beschuss gekommen. Was denken Sie, wie so etwas passieren konnte?

Da haben wohl einzelne schwarze Schafe äußerst leichtsinnig gehandelt. Aber es haben leider auch die Organisationen versagt, die für die Überwachung verantwortlich sind, also EY intern, die APAS und auch die BaFin. 

Auch der Aufsichtsrat ist in den meisten Fällen kein wirklich kritisches Kontrollorgan. So etwas gibt es leider immer wieder, und das färbt dann auf den gesamten Berufsstand ab. Das führt zu Reputationsverlust und sorgt für noch mehr Formvorschriften. Es erhöht unsere Haftpflicht und die Kosten der Versicherungen. Dazu muss man aber sagen, dass bewusster Betrug schwer aufzudecken sind, da von Seiten des Unternehmens bewusst getäuscht wurde. Aber ich möchte in diesem Fall keinen in Schutz nehmen: Einige kritischere Fragen wären wohl angebracht gewesen, um den Betrug einige Jahre früher aufzudecken.

Wie haben Sie Ihr Berufsleben mit Ihrem Familienleben verbinden können? 

Nun, ich hatte das Glück, selbstständig zu sein, sodass ich meine Arbeit etwas flexibler gestalten konnte. Trotzdem würde ich lügen, wenn ich sagen würde: „Es war einfach!“ Wir hatten zum Glück tolle Unterstützung, die sich liebevoll gekümmert hat, gerade als unsere Töchter noch klein waren. Als Mutter möchte man natürlich viel Zeit mit seinen Kindern verbringen, und trotzdem gab es Situationen, in denen ich Dinge verpasst habe. Natürlich machte ich mir manchmal Gedanken, ob ich alles richtig mache – ich denke, das tut jede Mutter, egal, ob sie zu Hause bleibt oder berufstätig ist. Mein Beruf und die ganze Zeit, die ich dem Beruf gewidmet habe, haben meinen Töchtern einen persönlichen Freiraum verschafft, der sie zu unabhängigen und verantwortungsbewussten Menschen gemacht hat. 

Im Nachhinein bin ich sehr froh und kann es nur jeder jungen Mutter empfehlen, keine langen Baby-Pausen vom Berufsleben zu machen. Natürlich ist es eine Doppelbelastung. Im Prenzlauer Berg hatten wir zum Glück, als meine Kinder klein waren, eine ausreichende Anzahl an Kindergartenplätzen. Für die Kinder ist es m. E. wichtig, unter möglichst vielen gleichaltrigen Kindern aufzuwachen, und für die Mutter oder auch die Eltern ist es wichtig, echte Freiräume für die berufliche Entwicklung zu haben. Ich wollte immer auch noch über andere Dinge als Windeln und Babynahrung mit den anderen Eltern auf dem Spielplatz sprechen. Irgendwann brauchen bzw. wollen einen die Kinder nicht mehr. Da ist es gut, im beruflichen Umfeld wieder Anerkennung zu finden. 

Was halten Sie von Frauenquoten?

Teilweise macht es Sinn. Manche Welten werden immer noch von Männern dominiert. Das betrifft aber bdp nicht. Über 60 %  unserer Mitarbeiter sind Frauen. Ich persönlich übe meinen Beruf aus, so gut ich kann, und versuche mit guter Argumentation und fundiertem Fachwissen zu überzeugen. Es ist natürlich wichtig, dass immer mehr Frauen führende Positionen haben, aber nur, wenn sie es wirklich wollen und dafür selber kämpfen, nicht als Vorzeige- oder Quotenfrau.

Auf was sind Sie besonders stolz? 

Sehr stolz bin ich darauf, dass meine Kinder mich trotz der meist mehr als 40-Stunden-Woche nicht zu sehr vermisst haben, wenn unsere Auszubildenden und Studenten gute Noten und Spaß an der Arbeit haben, wenn ich das Finanzamt mit einer ausgefeilten guten Begründung überzeugen konnte, unsere Steuergestaltung anzuerkennen und wenn wir ein großes Projekt im Team (z. B. einen Unternehmensverkauf) für alle Beteiligten erfolgreich abgeschlossen haben. 

Frau Hagemeier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Elsa Ibañez Ferrer, bdp Spain

* Wir verwenden den Titel Wirtschaftsprüfer, weil zur Zeit von Martina Hagemeiers Examen der Titel der Wirtschaftsprüferin noch nicht vergeben wurde.